Rückkehr des Gänsehirten
Am 09.10.2005 hat Bürgermeister Helmut Kinkel vor rund 150 Dornheimer Bürgerinnern und Bürger den bronzenen Gänsehirten
und seine muntere Geflügelschar auf dem Platz vor der alten Dornheimer Schule enthüllt.
Mehrere ältere Teilnehmer bemerkten, dass sie noch immer deutlich vor Augen hätten, wie die Gänse durch die Straßen
zur Gänseweide getrieben wurden.
Zum Ausruhen und Betrachten der Skulpturengruppe lädt eine Bank ein, die im Schatten einer
von dem Dornheimer Obst- und Gartenbauverein gespendeten Winterlinde aufgestellt wurde.
In der Ausgabe der Heimatzeitung vom 14.05.1954 konnte man lesen:
Im Gänsemarsch durch Dornheims Straßen
Ein alter Brauch fällt dem neu zeitlichen Verkehr zum Opfer
Es war immer ein interessanter Anblick, wenn allmorgendlich auf den Pfiff des Schuldieners einige hundert
Gänse aus den offenen Toren der Hofreiten kommend ohne Aufsicht mit geradzu traumwandlerischer Sicherheit der
Dornheimer Gänseweide zuwatschelten und ebenso sicher am Nachmittag alleine den Nachhauseweg fanden. Durch einen
Gemeinderatsbeschluß, der auf Anraten der Kreisverwaltung mit Rücksicht auf den starken Kraftwagenverkehr der
Bundesstraße 44, die bekanntlich mitten durch Dornheim verläuft, erfolgte, wird dieser jahrhundertlang geübte
Dornheimer Gänsetrieb nunmehr der Vergangenheit angehören.
Man muss sich in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass in Dornheim von jeher die Gänsezucht, der Verkauf von jungen
Gänsen, von Bettfedern und vor allem der stets begehrten Weihnachts-Gänse eine nicht unerhebliche Rolle spielten.
Früh morgens schon ließ der Gemeinde-Gänsehirt sein Horn ertönen und trieb die ihm anvertrauten Tiere mit Hilfe
seines Hundes auf die etwa 2,5 km von Dorf entfernte hintere Torfkaute an der "hohen Brück" und nach beendeter Ernte
im Herbst auch auf die Stoppelfelder. Alljährlich zum Pfingstfest mussten zwei der schönsten und fettestem Exemplare
in die landgräfliche Hofküche geliefert werden und sind in den jeweiligen Gemeinderechungen entsprechend vermerkt; auch
die kleinen Unkosten, die mit dieser Ablieferung verbunden waren.
Vor 50 Jahren noch wurden alltäglich gut 1000 Gänse auf die etwa 15 Morgen große Dahlerbruch-Weide getrieben und
füllten morgens und abends mit ihrem Geschnatter und Gewatschel die Dorfstraßen.
Nun hört diese Gänse-Romantik auf, weil die Verkehrssicherheit es verlangt. In den Gehöften wird man in etwa
für die Weide und den Weiden umstandenen Teich zu beschaffen, sich mühen, um den eignen Schützlingen den Verlust
der gewohnten Weide so wenig fühlbar als möglich zu gestalten. Wenn sie zu Weihnachten in der Pfanne brutzeln, wird man
es ihnen kaum noch ansehen, ob sie ihr Fett draußen in der Freiheit der Weide oder zu Hause in der Enge des Stalles
oder bescheidenen Auslaufes ansetzten.
Was die alten Dornheimer aber anbelangt, so werden sie immer wieder einmal mit Wehmut an die gute, alte Zeit
erinnert werden, aus deren Bild der Gänsetrieb nicht wegzudenken ist.
Auch in früheren Jahren war Dornheim wegen seiner Gänse bekannt. So stand bereits im
Groß-Gerauer Kreisblatt vom 16.03.1929
unter
Ortsbeschreibungen:
Dornheim
Das Gänsedorf im Ried. Gepflegte Straßen und weite Hofreiten. Vom alten Neckarbett schleifenartig umzogen.
Zwei Hauptstraßen kreuzen rechtwinklig bei der Kirche. Größere Waldparzellen ringsum beleben die Landschaft.
Mehr schmucklose Neubauten als Fachwerkhäuser. Das Rathaus ein Zweckbau neuer Art. Neusiedlungen, Bauernfleiß
und Sauberkeit machen sich geltend.
aus dem HGV-Rundbrief, Dezember 2005, v.i.S.d.P.: Philipp Buss